Dekanat Sulzbach-Rosenberg

evangelisch in der Oberpfalz

Ostmähren

Einen Überblick über die seit 1993 bestehende Partnerschaft gibt dieser Wiki-Artikel.

Reformationsjubiläum bei der EKBB

Deutschland bereitet sich seit zehn Jahren auf das Reformationsjubiläum vor: Am 31. Oktober 1517 hängte Martin Luther seine 95 Thesen über den Ablass an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg und löste damit die Reformation aus. Aber auch andere Länder gedenken dieses Ereignisses. Die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB) in Tschechien feierte jetzt in der ostmährischen Stadt Ratiboř die Reformation, die die Welt veränderte.

RefoTschechien1Viele Schwesterkirchen aus den Nachbarländern begingen diesen Festtag in evangelischer Verbundenheit mit den Tschechen. So nahmen der Bischof der Polnisch-reformierten Kirche aus Kattowitz und zwei evangelische Dekane der ungarischen Minderheit in der Slowakei an der Feier teil. Die Evangelische Kirche in Deutschland wurde von Dekan Karlhermann Schötz und Pfarrer Dr. Roland Kurz bei den Feierlichkeiten in Ratiboř vertreten. Ratiboř liegt im Ostmährischen Seniorat der Böhmischen Brüder, also in dem tschechischen Dekanat, mit dem das Dekanat Sulzbach-Rosenberg seit über 20 Jahren eine lebendige Partnerschaft unterhält. Der Weihbischof der römisch-katholischen Diözese Olomouc unterstrich mit seiner Anwesenheit das ökumenische Miteinander.

RefoTschechien2Posaunenchöre, ein Theateranspiel, eine Ausstellung, ein Büchertisch mit einem breiten Angebot evangelischer Literatur, ein Chor, ein Konzert des Handglockenorchesters und die Pflanzung eines Bäumchens zeigten, wie vielfältig heute das evangelische Leben in Tschechien ist, obwohl dort unter den Habsburgern seit der Gegenreformation bis 1781 die evangelische Glaube verboten war und die Kirchen in der kommunistischen Zeit unterdrückt wurden. Ein tiefgründiger Vortrag über den Glauben von Martin Luther und ein Referat über das Luthertum in Ratiboř rundeten das Programm ab.

Im Zentrum der Feierlichkeiten stand ein Festgottesdienst in der Brüderkirche, der im tschechischen Rundfunk direkt übertragen wurde. Synodalsenior Daniel Ženatý predigte über Galater 5,1. Martin Luther sei es um die Wiederentdeckung des Evangeliums gegangen, und das sei auch der Sinn des Reformationsgedenkens: „Wie schön ist es, sich von Christus befreien zu lassen, und als freie Menschen fröhlich zu leben - in der Fülle des Glaubens und der Liebe!“ Deshalb müsse man die Freiheit hochschätzen und um die Freiheit kämpfen, bis Christus wiederkommt.

RefoTschechien3Beim Abendmahl waren die Gäste aus Deutschland beteiligt und gaben Brot und Wein aus. Zahlreiche Redner betonten in ihren Grußworten die Bedeutung der Reformation für die Entwicklung der Moderne und die Wichtigkeit der EKBB in der modernen tschechischen Gesellschaft.
Dekan Schötz überbrachte die Grüße von Dr. Heinrich Bedford-Strohm, dem evangelischen Landesbischof und Vorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. Schötz erinnerte in seiner Ansprache an Jan Hus, den ersten Reformator, der auch in der Oberpfalz gepredigt hat. Dann sprach er über Lukas 12, 32. Die EKBB sei „eine kleine Herde“, aber Gott schenke ihr seine Gnade und wirke in ihr: „Es wird weitergehen mit unserer Kirche. Gott wirkt in allem, was wir tagtäglich tun. Und in allem was wir tun, gibt er uns alles aus Gnade.“
Am Rande der Feierlichkeiten führten Dekan Schötz und Dr. Kurz Gespräche mit ihren ostmährischen Partnern, vertieften die Freundschaft und planten die nächsten Treffen.

Interview mit 2 tschechischen Helferinnen

zdenka terezaZdenka und Tereza waren mit vier anderen Jugendlichen aus dem ostmährischen Seniorat der Böhmischen Brüder und ihrem Pfarrer Daniel Heller für eine Woche auf der Kapellenbaustelle am Knappenberg. Hier berichten sie von ihren Erfahrungen.

Groth: Woher kommt Ihr und warum arbeitet Ihr hier auf der Kapellenbaustelle mit?
Tereza: Ich komme aus Růžďka, das ist ein kleines Dorf in der Nähe von Vsetin in Ostmähren. Als ich gehört habe, dass eine Delegation für eine Woche nach Deutschland fährt, habe ich mich gemeldet, weil ich noch nie in Deutschland war.
Zdenka: Ich bin aus der Großstadt Zlín in Ostmähren. Ich war auch neugierig auf Deutschland, aber vor allem finde ich es schön, an einer Kapelle für Gott zu bauen.
Groth: Wie seid Ihr von den deutschen Jugendlichen aufgenommen worden?
Zdenka: Am Anfang war es ein bisschen schwierig, weil die Sprachbarriere da war. Aber die Gemeinschaft ist sehr rasch gewachsen.
Tereza: Auf der Baustelle versteht man sich, weil jeder auf den anderen angewiesen ist. Die Arbeit ist nicht kompliziert, aber sehr anstrengend. Da redet man nicht viel und kommt trotzdem zusammen.
Groth: Habt Ihr denn außer der Arbeit auf der Baustelle noch etwas anderes unternommen?
Zdenka (lacht): Wir sind abends immer todmüde. Deshalb gehen wir alle früh ins Bett und haben keine Zeit für andere Aktivitäten.
Tereza: Jeden Abend gibt es eine kleine Andacht. Das ist immer sehr schön. Aber sonst arbeiten wir eigentlich nur, bis auf die Essenspausen.

Deutsch-tschechisches Jugendprojekt am Knappenberg

kapelle2„Auf der Baustelle sind deutsche und tschechische Jugendliche eine Gemeinschaft“, sagen Zdenka aus Zlín und Tereza aus Růžďka. Beide sind zum ersten Mal in Deutschland und bauen an der neuen Kapelle auf dem Knappenberg mit. Ermöglicht wurde dieses Begegnung durch die großzügige Unterstützung des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds.

Der evangelische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Dr. Heinrich Bedford-Strohm hatte sich auch durch den strömenden Regen nicht abhalten lassen, einen Vormittag auf der Baustelle am Knappenberg mitzuarbeiten. “Ich finde es großartig, dass hier Jugendliche selbst die Initiative ergriffen haben, einen Kapellenbau neben dem Jugendhaus zu errichten”, erklärte er. Es gebe zu viel Untergangsstimmung in den Kirchen, dabei hätten sie zusammen in Deutschland immer noch 48 Millionen Mitglieder. “Wir müssen uns unserer Kraft bewusster werden und mehr von der Liebe Jesu Christi ausstrahlen”, sagte Bedford-Strohm, “Dieses Projekt zeigt, dass gerade Jugendliche Spiritualität brauchen und zum Aufbruch in etwas Neues bereit sind“. Deshalb habe er auch die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen und als EKD-Ratsvorsitzender deutschlandweit dafür geworben. Auch in seinem neusten Buch „Radikal Lieben“ spiele es eine große Rolle. Angesichts des absehbaren Mangels an evangelischen Pfarrern in der Landeskirche wirbt der Landesbischof für den Standort Oberpfalz, in dem die Lebensqualität außerordentlich hoch sei. Und der Eröffnungstermin der Kapelle am Knappenberg sei in seinem Terminkalender schon fest eingetragen.

Landrat Richard Reisinger, der als bekennender „Trial-and-Error-Handwerker“ dem Landesbischof beim Anbringen von Schindeln für die Außenverkleidung assistierte, ergänzte: „Es freut mich, dass dieser spirituelle Aufbruch gerade in meinem Landkreis stattfindet!“ Der Glaube habe in unserem Land allen Zweiflern zum Trotz eine Zukunft.

zdenka danielAuch eine Gruppe aus dem Ostmährischen Seniorat der Böhmischen Brüder, mit dem das Dekanat Sulzbach-Rosenberg seit vielen Jahren eine lebendige Partnerschaft pflegt, verbrachte eine Ferienwoche auf der Baustelle. Die sechs Jugendlichen und ihr Pfarrer Daniel Heller aus Valašské Meziříčí fühlen sich als Teil des Baustellenteams. „Am Anfang war die Sprachbarriere ein Problem, aber jetzt haben die tschechischen Jugendlichen die deutschen Wörter für das Werkzeug gelernt und im Gegenzug die Deutschen die tschechischen Begriffe, so dass es bunt durcheinander geht“, erzählte Heller. Gemeinsam haben sie in einer kleinen Andacht Gebete auf die Rückseite von Holzschindeln geschrieben, die danach an die Fassade genagelt wurden.

30 bis 40 Jugendliche arbeiten regelmäßig mit, etwa 20 sind immer auf der Baustelle. So entsteht auf Initiative und unter Mitarbeit junger Menschen, mit Hilfe von Spenden und der Förderung durch das LEADER-Projekt ein spiritueller Begegnungsraum - „auf gut bayerisch Kapelle“, wie Dekan Karlhermann Schötz, der sich als Dachdecker betätigte, übersetzte.

Konventsbesuch 2015

KonventVsetin3„Mir geht es darum, dass der reformatorische Gedanke, den Hus und andere in die Welt gesetzt haben, nicht zu tilgen ist“, sagte Dr. Roland Kurz auf dem Konvent der Böhmischen Brüder in Ostmähren, „sonst wären Sie als Böhmische Brüder heute nicht hier und sonst könnte ich Sie als Lutheraner heute nicht besuchen. Und wir könnten nicht zusammen Abendmahl in beiderlei Gestalt, also mit Brot und Wein, feiern.“

Seit zwanzig Jahren verbindet das evangelische Dekanat Sulzbach-Rosenberg eine lebendige Partnerschaft mit dem Seniorat der Böhmischen Brüder in Ostmähren. Dr. Kurz als Partnerschaftsbeauftragter nahm am Konvent, der Dekanatssynode, der Brüder im tschechischen Vsetín teil. In seinem Grußwort erinnerte er daran, dass es bereits 1993 erste Kontakte gab und 1995 die Partnerschaft formell begründet wurde. Sie könne einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die reformatorischen Gedanken sich in der Welt behaupten und immer weitergegeben werden.

Maja Navratilová, Leiterin eines Kindergarten in Jablunka hatte eine Präsentation vorbereitet und ließ mit zahlreichen Fotos die vielen Begegnungen der letzten zwanzig Jahre wieder lebendig werden. Ein besonderer Höhepunkt war das Jubiläumstreffen der Oberpfälzer und der Ostmähren in Prag heuer am 15.-18. Oktober. Wie schon viele Treffen zuvor wurde auch dieses vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfond großzügig gefördert.
An der Begegnung nahmen nicht nur Pfarrer teil, sondern auch Kindergärtnerinnen, wird doch die Partnerschaft ganz wesentlich von Kindergärten getragen, und zwar auf tschechischer Seite von staatlichen Kindergärten. „Die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Kindergärten hängt immer an Einzelpersonen, die sich dafür einsetzen“, stellte Dr. Kurz fest. „Wir können uns glücklich schätzen, dass wir über zwanzig Jahre immer Menschen gefunden haben, die zu diesem Engagement bereit waren.“

Dr. Kurz berichtete, dass er auf der Basis von Navratilovás Präsentation gerade eine Chronik der Partnerschaft erarbeite, die auch ins Tschechische übersetzt werden solle. Damit wolle er ins Bewusstsein rücken, was in den zwanzig Jahren der deutsch-tschechischen Dekanatsfreundschaft schon alles passiert ist.
Für Senior Magister Petr Pivoňka, den Dekan der Böhmischen Brüder, war es der erste offizielle Kontakt mit der Partnerschaft, weil er erst heuer gewählt wurde. Er war sehr interessiert und signalisierte seine freudige Bereitschaft, die Partnerschaft weiter zu pflegen und zu fördern. Dr. Kurz lud ihn herzlich nach Sulzbach-Rosenberg ein.

Der Partnerschaftsbeauftragte wollte auch in das Leben von Kirche und Diakonie bei den ostmährischen Freunden eintauchen. Deshalb wohnte er einem Gottesdienst in Kroměříž bei und besuchte im Schloss von Valašské Meziříčí die Ausstellung „Namaluy mi beránka - Zeichne mir ein Schaf“. Diese Ausstellung ist ein Projekt der dortigen Diakonie, die eine Einrichtung zur Tagespflege von Behinderten unterhält und soziale Rehabilitation, eine Form von Betreutem Wohnen, anbietet. Für die Ausstellung haben tschechische Prominente wie Schauspieler, Publizisten, Politiker, Geistliche und Sänger, darunter auch Karel Gott, Bilder von Schafen gezeichnet. Die sehr unterschiedlichen, aber durchwegs charmanten Bilder werden schließlich versteigert. Der Erlös aus der Aktion wird für die Sanierung des Tagesheims verwendet. Die tschechische Diakonie ist interessiert, die Kontakte mit der Oberpfalz zu intensivieren.

20 Jahre Partnerschaft zwischen Kindertagesstätten

ZukunftslogoSeit 20 Jahren sind das evangelisch-lutherische Dekanat Sulzbach-Rosenberg und das ostmährische Seniorat der Böhmischen Brüder in einer Partnerschaft verbunden. Zur Feier des Jubiläums finanzierte der Deutsch-Tschechische Zukunftsfond eine Begegnung in Prag.

Der Sulzbacher Stadtpfarrer Dr. Roland Kurz und Pfarrer Konrad Schornbaum aus Eschenfelden waren mit Erzieherinnen der evangelischen Kindergärten im Landkreis angereist. Aus Ostmähren kamen die Pfarrer Jan Hudec, Daniel Heller sowie Wiera und Miroslaw Jelinek, die vielen im Dekanat noch von ihrem Besuch im Frühjahr mit dem Handglockenorchester in Erinnerung sind. Auch sie brachten viele Kindergarten-Erzieherinnen mit. Die Zusammenarbeit der Kindergärten war 1995 der Beginn der Partnerschaft und trägt sie bis heute.

senatDie Begegnung begann gleich mit einem Höhepunkt: Senator Jiří Čunek hatte die deutsch-tschechische Gruppe in das Palais Wallenstein, den Sitz des tschechischen Senats, eingeladen. Er führte selbst durch Plenarsaal und Repräsentationsräume des großartigen, frühbarocken Baus und erläuterte dabei die Geschichte und das gegenwärtige politische System in Tschechien. Die Partner besichtigten auch das Klementinum, Sitz der tschechischen Nationalbibliothek, in der seit 1930 jedes in Tschechien veröffentlichte Buch gesammelt wird. Bei der Gelegenheit konnte kurz ein Abstecher zur Karlsbrücke gemacht werden, wo an einem der Tortürme das Sulzbacher Wappen eingemeißelt ist.

Aber auch Besuche in Prager Gemeinden und Kindergärten standen auf dem Programm. In einem deutsch-tschechischen Kindergarten im Prager Stadteil Vinohrad erstaunte eine Fünfjährige die Gäste: „Ich spreche Armenisch, Russisch, Deutsch und Tschechisch“, sagte sie in akzentfreiem Deutsch. Im Saal der Brüdergemeinde in Libeň zeigten die deutschen Erzieherinnen den einheimischen Mitarbeitern, wie man kleinen Kindern mit Figuren und einfachen Materialien die Weihnachtsgeschichte vermitteln kann.

Viel Zeit war reserviert für das Gespräch mit vielen Bildern, Liedern und Erinnerungen an 20 Jahre Partnerschaft. „Die Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und Kindergärten hängt immer an Einzelpersonen, die sich dafür einsetzen“, stellte Stadtpfarrer Dr. Kurz fest. „Wir können uns glücklich schätzen, dass wir über 20 Jahre immer Menschen gefunden haben, die zu diesem Engagement bereit waren.“


trabbiEinen letzten Höhepunkt bildete der Besuch der Deutschen Botschaft im Palais Lobkowitz. Es war ergreifend, in dem legendären Garten zu stehen, wo im Herbst 1989 Tausende campierten, um der Unfreiheit der DDR zu entfliehen. Die Ereignisse in der Prager Botschaft, die auch ein Teil der Freiheitsgeschichte des tschechischen Volkes sind, wurden in einem großartigen Film noch einmal in Erinnerung gerufen. „Wenn man sich vorstellt, dass 1989 in diesem Garten mehr als 3000 Menschen Zuflucht fanden, ist es beschämend, dass heute einige meinen, die Aufnahme von 3000 Flüchtlingen würde die Tschechische Republik überfordern“, sagte Pfarrer Heller nachdenklich.

Mit vollen Herzen nahmen die deutschen Besucher von den tschechischen Freunden Abschied: „na shledanou – Auf Wiedersehen!“